Fahrradgedanken #11 von Susann

Mir ist schwindlig, als wir aus dem Gebäude der Kriminalpolizei kommen. Der Kommissar hat mir nicht in die Augen geschaut. Mein Freund hat ihn gefragt, ob es ratsam ist, in die Wohnung zu gehen. Ob wir das schaffen.  “Könnse was aushalten?” hat er ihn gefragt, “Denn gehnse ma lieber alleene rin.” und deutet mit einem Kopfnicken in Richtung meiner Mutter und mir.

Meine Beine zittern, ich kann die Kupplung kaum durchtreten. Autofahren geht erstaunlicherweise noch. Atmen nicht mehr so richtig. Ich blinke, warte, biege ab, parke, ziehe die Handbremse, schalte aus. Das Auto meines Bruders steht dort, unter einem mickrigen Baum, die Windschutzscheibe ist taub, vertrocknete Blüten überall. Ich hatte ein anderes Auto erwartet, das, womit er uns in Berlin besucht hat, das, was so ähnlich war wie unseres. Dieses hier habe ich nur ein oder zweimal gesehen, dabei hatte er es fast zwei Jahre. Die Schlüssel dafür haben wir auch vom Kommissar bekommen, genau wie die seiner Wohnung. Ich schließe das Auto auf. Ich habe Angst, dass es drinnen nach ihm riecht, dass ich etwas finden könnte, das zufällig aus seiner Hosentasche gefallen ist. Ich traue mich nicht, mich auf den Fahrersitz zu setzen. Nicht mein Platz, seiner. Im Auto ist nichts. Es riecht schwach nach dem grünen Wunderbaum, der am Rückspiegel hängt. Es sieht still aus, außer Betrieb, als wäre es monatelang nicht gefahren worden. Die Zentralverriegelung funktioniert nicht mehr, weil die Batterie leer ist.

Zwischen den Plattenbauten ist ein kleiner Spielplatz. Wir gehen dran vorbei, zwei Jungs schauen uns nach. Unser Name steht an der Tür, auf dem Briefkasten. Mein Freund sucht den richtigen Schlüssel. Er soll sich beeilen, ich will nicht, dass jemand kommt, uns sieht und was wir hier machen. Wir gehen durch die Haustür, als er aufgeschlossen hat, schauen in den Briefkasten. Meine Mutter nimmt einen gelben Brief mit. Schnalzt, murmelt etwas. Ich habe sie untergehakt. Mein Freund steigt die Stockwerke schneller hoch als wir, schließt auf, rumpelt. Als wir oben ankommen, kann ich den Blick nicht abwenden. Ich muss hineinsehen. Ich sehe Fliegen, tote, ein schwarzer Teppich aus Fliegen. Dann der Geruch. Ich sitze mit meiner Mutter auf der Treppe vor der Wohnungstür meines Bruders. Wir weinen, wir schluchzen, denn er ist tot.

Ich stehe auf und gehe durch die angelehnte Tür. Ich stehe im Flur, rechts ist das Bad. Ich sehe Fliegen auf dem Boden und am Fenster, kein Duschvorhang, kein Regal, die Zahnbürste im Kulturbeutel. Auf der Heizung neben der Toilette liegt Darm mit Charme. Das Lesezeichen ungefähr in der Mitte. Ich stehe wieder im Flur und schaue auf das Wohnzimmer, den Tatort. Dort liegt seine Hose und sein T-Shirt. Sie sehen nass aus. Ich gehe hin. Der Boden ist von einer braunen Flüssigkeit bedeckt. Fliegen, überall Fliegen. Und dieser Geruch, der meiner Nase zuviel ist und den ich darum mit dem Hals rieche. Er wird noch tagelang dort sitzen, hinter den Unterkiefern und alles, was ich versuche zu essen, wird danach schmecken. Nach Verwesung und Tod, nach Gewalt.

Ich sehe die Tür zum Schlafzimmer. Der dunkelblaue Gurt hängt von oben daran herunter, auf Höhe der Türklinke ist er durchtrennt worden. Mein toter Bruder, sein Kopf in der Schlinge, wurde davon abgeschnitten. Auf der Schlafzimmerseite ist der Gurt an der Türklinke festgeknotet. Sehr fest; an zu laschen oder zu wenigen Knoten sollte es nicht scheitern.

Das ist keine Wohnung. Nichts deutet darauf hin, dass hier jemand wohnen wollte.  Gehaust hast Du hier, mein Bruder, zwischenzeitlich, von der vorletzten schlechten Entscheidung bis zur letzten. Eine Matratze ohne Bettlaken liegt auf dem Sofa, davor steht ein Fernseher mit Playstation. Assassins Creed hast Du gespielt. Genau wie mein Sohn. Umzugskisten stehen in den Ecken, eine Tasche mit Kosmetik neben dem Sofa. Einen provisorischen Schreibtisch gibt es, eine Spanplatte auf zwei Böcken. Darauf Ordner mit fein säuberlich abgehefteten Unterlagen. Unterhaltsforderungen, Räumungsaufforderung, Kündigung des Arbeitsverhältnisses. Kein Abschiedsbrief. Nichts mehr zu sagen.