Fahrradgedanken #12 von Caro

Meine Mutter hat Geburtstag und ich will ihr ein Geschenk kaufen, auf dem Markt, unten am Kanal, und ich will zu deinem Baum gehen, weil ich schon so lange nicht mehr da war. Ich ziehe einen leuchtenden orangefarbenen Rock für dich an, einen lustigen leuchtenden Rock, einen kurzen orangefarbenen Ballonrock, den ich gerne mag, manchmal mache ich das in diesen Tagen, mich lustig anziehen für dich, und ich frage mich, warum ich das früher nicht gemacht habe, früher wollte ich dir immer nur gefallen. Manchmal lächeln mich Leute auf der Straße an, wenn ich diesen Rock trage, ihr Blick bleibt kurz an meinen Beinen hängen, dann gleitet er nach oben und sie lächeln. Auf dem Weg zum Markt gehe ich in ein kleines Geschäft, an der Wand hängt ein Rahmen, Ketten mit kleinen Amuletten darin, und ich möchte mir diesen Talisman kaufen, Jamais Arrière, irgendetwas stört mich an der englischen Übersetzung, Never Look Back steht da, ein geflügeltes Herz auf bronzenem Grund, ich möchte diesen Talisman haben, meine Hand um ihn schließen können, wenn ich ihn brauche, und ich weiß nicht, wann ich jemals einen Talisman haben wollte, ich weiß nicht einmal, ob ich an so etwas glaube, vielleicht glaube ich erst seit kurzem daran oder vielleicht glaube ich, dass ich nicht genug Kraft habe, um die Dinge alleine zu schaffen.

Draußen wird mir schwindelig, möglicherweise bewegt sich auch nur etwas vor meinen Augen, wo sich nichts bewegen sollte, das ist manchmal so, und irgendwie finde ich das auch folgerichtig, ich habe mich fast daran gewöhnt in den letzten Monaten, aber heute stimmt etwas nicht, stimmt mehr nicht als sonst. Ich weiß, was nicht stimmt. Es ist dasselbe Nichtstimmen, das mich davon abhält, laufen zu gehen, ich denke, ich sollte laufen, damit ich nicht völlig vor die Hunde gehe, körperlich, meine ich, alles andere ist ja irgendwie schon vor die Hunde gegangen und krebst sich zurück, das ist ein schiefes Bild, da denke ich an einen kleinen durchscheinenden Krebs im Rückwärtsgang vor einer Hundenase, aber womöglich passt es auch, das Bild, jedenfalls könnte ich das gut sein, dieser verängstigte hellrote Miniaturkrebs, der hochschielt, zu diesem großen feuchten schwarzen Etwas, das Leben pulsiert und Tod bedeutet. Ich gehe nicht laufen, weil ich den Gedanken nicht aushalte, unten am Kanal an deinem Baum vorbeizulaufen, einfach so, ich am Laufen und gegenüber der Baum, der da steht, weil du tot bist, früher habe ich mir diesen Gedanken nicht erlaubt, früher dachte ich, ich werde mir irgendwann eine andere Strecke aussuchen, aber auch dagegen sträubt es sich, sträubt sich diese seltsame Trauerlogik, integrieren geht nicht, vermeiden schon gar nicht, heute erlaube ich mir den Gedanken, aber aushalten kann ich ihn nicht, vielleicht ist das ja ein Fortschritt, Fortschritt, schnarrt etwas höhnisch in mir.

Es fühlt sich falsch an, zwischen den Erledigungen des Tages zu deinem Baum zu gehen. Das ist ein bißchen lächerlich, weil sich in gewisser Weise die Erledigungen selbst schon falsch anfühlen, so, wie sich essen, trinken, schlafen, sprechen, alles falsch angefühlt hat, seit du gestorben bist, aber so, wie sich diese alltäglichen Dinge irgendwann wieder normal angefühlt haben, werden sich wahrscheinlich auch die Erledigungen irgendwann wieder normal anfühlen, und dann das Leben. Da gibt es vermutlich eine Hierarchie der Dinge, essen, trinken, schlafen, sprechen, die Erledigungen, alles kann sich nur eine gewisse Zeit so völlig falsch anfühlen, entweder stirbt man dann oder das Leben in dir entscheidet sich für sich, und es fällt ein kleiner Dominostein nach dem anderen um, diese Dominosteine, die sich so falsch anfühlen, und dann liegt es wieder ganz flach da, das Leben.

Auf dem Markt kaufe ich nichts für meine Mutter, weil mir der Gedanke, ein Geschenk zu besorgen, immer wieder wegrutscht, ich überlege, ob ich es mit mir vereinbaren kann, jetzt zu deinem Baum zu gehen oder ob ich vorher abbiegen soll zum vietnamesischen Imbiss, ich könnte morgen zum Baum gehen oder übermorgen versuchen, eine Runde zu laufen, ein paar Hausschuhe aus Lammfell kaufe ich, weil mir immer kalt ist, ich biege ab und komme mir albern vor, der lustige Rock und meine stumpfen Augen, dieser Rock braucht ein geflügeltes Herz, aber vielleicht geht das ja, ein geflügeltes Herz, ohne niemals zurückzublicken.