Fahrradgedanken #2 von Susann

Zu meinen Toten pflege ich äußerst unterschiedliche Beziehungen. Es sind fünf – fünf Tote und fünf unterschiedliche emotionale Verstrickungen. Die Art unserer heutigen Beziehung scheint sehr davon abzuhängen, wann sie mir gestorben sind und auf welche Art. Hier ist der Versuch einer Klassifizierung.

Den Anfang macht mein Wellensittich Hansi. Ich war sieben und sein Tod hat mir das Herz gebrochen. So sehr, dass ich ihn nach einer Woche Totenruhe wieder ausgegraben habe. Zwischen seinen Krallen klebte immernoch Käfigsand, er hat weder gestunken noch waren ihm alle Federn ausgefallen. Das hat mich beruhigt und ich hab ihn wieder in seinem Schuhkarton begraben. Das war Liebe, da bin ich mir sicher, wenn ich an ihn denke, dann immer mit einer großen Zärtlichkeit.

Als ich acht war, starb mein Opa. Plötzlich, in der Nacht. Er hatte beim Kartenspielen in der Schänke gewonnen, einen über den Durst getrunken – und zack: Herzinfarkt. Meine Familie stand unter Schock – ich fand alles eher aufregend und hab in Gedanken oft mit ihm geredet. Auf der Beerdigung hatte ich einen Lachanfall, weil Lachen verboten war. Dabei hat mein Opa immer so viel gelacht.

Dann war ich 19 und mein Vater ist gestorben. Suizid. Das war anders. Dunkler. Alles wurde irgendwie doppeldeutig. Die Leute in der kleinen Stadt und wie sie mich angeschaut haben, was sie zu mir gesagt haben. Meine Erinnerungen, die Familiengeschichten – alles hat einen doppelten Boden bekommen, die Möglichkeit einer anderen, einer umgekehrten Bedeutung. Ich hab zuviel nicht verstanden. Dann bin ich weggegangen, soweit wie es ging.

Die Zeit danach war lang und es wurde gelebt. Neue Menschen wurden geboren, andere wurden krank und wieder gesund. Als ich 37 war starb mein Bruder. Wieder Suizid. Ganz ehrlich, das ist 1 1/2 Jahre her und ich stehe immer noch unter Schock. Dort, wo bei Hansi enttäuschte Liebe, bei meinem Opa ein Stück übriggebliebene Lebenslust und bei meinem Vater die Flucht steht, ist einfach – nichts. Und das ist weiß und fiept leise.

Letzten Monat ist meine Oma gestorben, sie hat meinen Opa um 30 Jahre überlebt! Ein halbes Jahr lang ist sie gestorben. Bei jedem Besuch war sie ein bisschen weniger hier. Ich empfand das als friedlich und einvernehmlich. Das Loslassen war gewachsen und kam nicht plötzlich. Tatsächlich denke ich eher an die schönen Zeiten mit ihr als an das Ende. Ihr bin ich irgendwie dankbar, dass sie den Tod für mich wieder normal gemacht hat.