Fahrradgedanken #4 von Susann

Diesmal hab ich keinen eigenen Text geschrieben, heute gibt es ein Zitat. Neulich saß ich nämlich im Zug, der wegen eines Personenschadens erhebliche Verspätung hatte. Es ist also jemand auf den Gleisen gestorben. Im Zug wurden Kommentare laut, wie „da hat sich wieder jemand glücklich gemacht“ (der Schaffner), die Reisenden haben geschimpft, dass sie zu spät kommen und ob „man das nicht auch woanders machen könne, ohne so viele Menschen mit reinzuziehen“.
Aus Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur:

Wobei an die Medikamente, wie gesagt, gar nicht ranzukommen war. An überhaupt nichts Sicheres. Nichts Einfaches, nichts Hundertprozentiges. Erschießen ist in 76 bis 92 Prozent der Fälle tödlich, bei Schüssen in den Kopf liegt die Quote noch etwas höher. Aber auch da überleben 3 bis 9 Prozent, und die haben dann Hirnschäden und sind entstellt. Erhängen fühlt sich schätzungsweise an, wie es aussieht, und hat wie die meisten anderen Methoden den Nachteil, daß man Erfahrung damit bräuchte und nur einen Versuch hat. Man kann aus dem zwölften Stock springen und überleben. Man kann aus dem zwölften Stock springen und noch dreißig Minuten als blutiger Matsch auf dem Trottoir die Passanten erschrecken, und wenn man wochen- und monatelang durch das Labyrinth geirrt ist auf der Suche nach dem sicheren Ausgang, versteht man irgendwann, wie vollkommen vernünftige und zurechnungsfähige Menschen auf die Idee kommen können, sich auf eine ICE-Trasse zu stellen im vollen Bewußtsein, einen Lokführer für den Rest seines Lebens zu traumatisieren.