So sterben wir

Jubiläumsfolge! Zur Feier von einem Jahr endlich. haben wir Roland Schulz vom SZ-Magazin eingeladen, der das tolle Buch „So sterben wir“ geschrieben hat. Und um genau darum geht’s heute: unser aller Sterben.

Zum Einstieg sinnieren wir über eines unserer Lieblingsthemen: Nämlich darüber, wie die Beschäftigung mit dem Tod unser Leben verändert hat. Caro staunt wieder einmal darüber, dass diese vielen kleinen Dinge, die man erstmal nicht mit dem Tod in Verbindung bringen würde, eben doch etwas genau damit zu tun haben. Die Bewusstwerdung der eigenen Bedürfnisse und Grenzen zum Beispiel. Susann meint, sie hat vor allem mehr Spaß, seit sie sich mit dem Tod beschäftigt. Super, oder? Wir schlagen dem Tod einfach ein Schnippchen. Außerdem fragen wir uns, inspiriert von Thomas Macho, inwiefern die freiwillige Beschäftigung mit dem Tod eigentlich ein Privileg ist, das Menschen im Krieg oder in wirtschaftlicher und sozialer Not nicht haben.

In das Gespräch mit Roland steigen wir mit einer unserer Lieblingsstellen aus seinem Buch ein:

„Ab jetzt bist du mit dir allein. Das bedeutet nicht: einsam. Du kannst deine Freunde um dich haben, deine Familie, die ganze weite Welt, es ist gleich. Du stirbst allein. So, wie du allein atmest. So, wie du allein träumst.
Sterben braucht seine Zeit. Sterben geht seinen eigenen Gang. Gerade gegen Ende, wenn der Tod allmählich Gestalt annimmt, kennt es keine Eile. Das Wissen darüber ist verschüttgegangen, und so sitzen sie an deiner Seite und warten, im Niemandsland zwischen der Furcht, es könnte bald, und der Hoffnung, es könnte endlich vorbei sein.
Sie sitzen an deinem Bett, stehen auf, gehen umher, setzen sich, streichen über dein Haar, stehen wieder auf. Stunde um Stunde verstreicht. Sie warten, wie man unter dunklen Wolken auf ein Unwetter wartet, jetzt wird es regnen, und es regnet nicht, jetzt wirst du sterben, und du stirbst nicht. Sie warten und weinen und weinen und warten, auf jedes Seufzen deiner Lippen achtend, und die Stunden, dem Lauf der Zeit entzogen, warten mit ihnen. Doch du stirbst nicht.
Dein Sterben hält den Menschen an deinem Sterbebett einen Spiegel vor. Sie sehen dich und sich dort liegen, und vielen kommt es vor, als stürmten Fragen auf sie ein. Wer bin ich. Was ist Leben. Wie nur weiter. Am Bett eines Sterbenden zu stehen, das zwingt dazu, innezuhalten. Manchen Angehörigen macht das Angst, sie fliehen davor. Manche aber zieht es an, sie sammeln sich am Sterbebett wie um ein Lagerfeuer.“

Roland erzählt uns, wie er dazu gekommen ist, dieses Buch zu schreiben: über die Diskussion im Bundestag über assistierten Suizid, die seine journalistische Neugier geweckt hat. Wir fragen uns, wann wir wirklich tot sind – wenn wir den letzten Atemzug getan haben? Nach dem letzten Herzschlag? Wenn unsere Gehirnströme erlöschen? Oder doch erst, wenn der Stempel auf dem Totenschein ist? Es kommt darauf an, wen du fragst, mein Roland. Er schildert uns seine Beobachtungen aus seiner Recherche: Wie reagieren Menschen, wenn sie auf der Straße einen Sarg sehen? Was macht der Tod mit den Leuten, die professionell mit ihm arbeiten? Welche Strategien haben sie entwickelt, diesem intensiven Job tagtäglich nachgehen zu können? Und er kommt zu dem schönen Schluss: „Ich wollte das Sterben verstehen lernen, wie eine Sprache oder einen Motor. Jetzt weiß ich, dass das nicht möglich ist. Die Werkzeuge der Wissenschaft und des Verstehenwollens zerschellen an genau dieser Grenze.“

Zu guter Letzt stellen wir Roland die Frage mit Max Nummer 8: „Möchten Sie wissen, wie Sterben ist?“

Für die Fahrradgedanken hat Susann diesmal Helene, 11, zum Sterben und dem Tod befragt.

Außerdem gibt’s hier unsere aktuellen Lese-, Seh- und Hörempfehlungen:

Eine neue Sarggeschichte zum Thema begleitete Feuerbestattungen
Trauern – wie geht das? Sternstunde Philosophie im Schweizer Fernsehen
Nachdenken über den Tod im Deutschlandfunk
„Die Trauer hat ein schlechtes Image“ – Interview mit *uns* im Wiener Kurier

Wie immer noch vielen Dank an Peer für das Lied „Alle alle“ aus unserem Intro/Outro!