Wenn Babies sterben: Was früh verwaiste Eltern brauchen

In dieser Folge sprechen wir über ein heftiges, aber wichtiges Thema, über das sonst oft geschwiegen wird: Wenn ein Kind ungeboren oder sehr jung verstirbt, was hilft dann Eltern und Geschwistern? Was können Freunde und Angehörige tun? Unser Gast in dieser Folge ist Kerstin von der Hude, die in der Charité Berlin früh verwaiste Eltern berät und begleitet und außerdem Spezialistin auf dem Gebiet der palliativen Geburt ist.

Susann erzählt von ihrem (anderen) großen Bruder, der wenige Wochen nach seiner Geburt gestorben ist. Und von einem Satz ihrer Mutter, der viel bei ihr ausgelöst hat, unter anderem die Frage: Gäbe es sie, wenn ihr Bruder nicht gestorben wäre? Wir sprechen darüber, wie seltsam es sich anfühlt, wenn es für einen verstorbenen Menschen kein Grab gibt, und wie wichtig es ist, auch einem toten Kind einen Platz in der Familiengeschichte einzuräumen. Weil ein solches Ereignis sich seinen Platz sowieso nimmt und man gut daran tut, diesen positiv zu besetzen. Außerdem fragen wir uns, warum gerade der Tod von Babies ein so großes Tabu ist – obwohl das, statistisch gesehen, recht häufig passiert.

Danach schweift Caro ein bißchen ab und spricht über ein Thema, das schon lange auf ihrer Liste stand: nämlich das des posttraumatischen Wachstums Demnach werden 60-80 Prozent der Menschen, die eine tiefe Krise durchleben, danach langfristig zufriedener und stärker – was nicht heißt, dass eine Krise per se etwas Gutes wäre. Wir fragen uns mit einem Zitat von Wittgenstein, ob der Tod und das Leben sich gegenseitig ausschließen und kommen auf eine Frage zurück, die wir uns bereits in unserer allerersten Folge gestellt haben: Können wir unseren Tod denken?

Kerstin erzählt uns von Menschen, die ihr Kind gleichzeitig begrüßen und verabschieden müssen. Von ihrer Überforderung, ihrer Unsicherheit und ihrem Schmerz. Viele dieser Eltern haben große Angst davor, überhaupt eine Bindung zu ihrem Kind aufzubauen, weil sie glauben, dass der Verlust dadurch noch quälender werden könnte. Kerstin ermutigt sie aber, genau das zu tun – ihr Kind, auch wenn es bereits gestorben ist oder bald sterben wird, kennenzulernen und ihm einem Platz in ihrem Leben einzuräumen. Eine Beziehung aufzubauen hilft beim Trauern. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass ein Trauerprozess deutlich erschwert wird, wenn man eine ambivalente Beziehung zu dem verstorbenen Menschen hatte. Ein großes Problem für früh verwaiste Eltern, sagt Kerstin, ist die Einsamkeit. Weil kaum jemand das verstorbene Kind kannte und die Angehörigen gar nicht wissen, um wen da getrauert wird. Doch es kann auch anders gehen: Wenn die Eltern ihre Familien und die Geschwisterkinder einbeziehen, sich zusammen verabschieden, Fotos machen, gemeinsam trauern. Denn genau darum geht es – Erinnerungen schaffen. Wenn ein Kind früh stirbt, gibt es für die Familie nur wenige gemeinsame Erinnerungen, die müssen aber für das ganze Leben reichen. Zum Schluss gibt es noch einen guten Tipp von Kerstin für trauernde Eltern: Schreibt eine Gebrauchsanweisung für Familie und Freunde, wie sie mit euch umgehen sollen, was ihr euch wünscht, was ihr braucht und auch: was nicht.

Ein bißchen zu kurz kommt das Thema der palliativen Geburt: sie ist ein Weg für Eltern, deren Kind die Schwangerschaft, die Geburt oder die Zeit danach sehr wahrscheinlich nicht überleben wird und für die ein Schwangerschaftsabbruch nicht in Frage kommt. Das, sagt Kerstin, ist heutzutage möglich, ohne dass das Kind leidet, und es gibt den Eltern die Möglichkeit, die Schwangerschaft als Familienzeit zu erleben.

Wir stellen Kerstin die Frage mit Max Nummer 4. „Möchten Sie unsterblich sein?“

In den Fahrradgedanken von Caro geht’s diesmal um die seltsame Logik der Trauer.

Außerdem gibt’s hier unsere aktuellen Lese-, Seh- und Hörempfehlungen:

„Der Mantel im Flur“ – das sehr empfehlenswerte Interview mit Sarah Benz, auf das sich Caro bezieht
Wenn ein Baby bei der Geburt stirbt – Eine Sterbeamme kümmert sich
„Du fehlst“ – Ein Buch über Verlust und Trauer
„Lange dachte ich, mein Körper sei ein Grab.“
Wenn Kinder es nicht ins Leben schaffen

Wie immer noch vielen Dank an Peer für das Lied „Alle alle“ aus unserem Intro/Outro!