Zwischen Tod und Bestattung: Schafft die Black Box ab!

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Die Bestattungen unserer Toten haben wir beide nicht in guter Erinnerung. In dieser Folge denken wir darüber nach, wie Menschenbild und Beerdigung zusammenhängen, was das alles mit dem Zweiten Weltkrieg und der Großstadt zu tun hat und wie unerträglich es ist, gesagt zu bekommen: „Behalten Sie ihn so in Erinnerung, wie er war“. Wir sprechen mit der Bestatterin Lea Gscheidel über die wertvolle Zeit zwischen Tod und Bestattung, darüber, was Angehörige brauchen und wie eine gelungene Begleitung sogar zu einer schönen Erinnerung werden kann.

Eigentlich war die Bestattung ihres Ex-Freundes für Caro ein Schock nach dem anderen – die Zeit zwischen Tod und Trauerfeier war eine Black Box: Der Bestatter hat bestimmt, was passiert, und die Angehörigen waren maximal außen vor. Und davon, sich noch einmal zu verabschieden, wurde abgeraten. Susann hat vom Bestatter ihres Bruders Ähnliches gehört und auch bei ihr haben diese Leerstellen im Kopf nicht zu mehr (Seelen-)Frieden geführt, eher im Gegenteil. Sie erzeugen Bilder in unseren Köpfen, die oft viel schlimmer, viel quälender sind als es die Realität gewesen wäre, und erschweren so die Trauerbewältigung.

Durch ein Interview mit Eric Wrede hat Caro von der neuen Generation von Bestattern erfahren, die einen anderen Blick auf Leben und Tod haben als ihre Vorgänger, die alle Schritte im Umgang mit der Toten transparent machen und Angehörigen das Dabeisein ermöglichen. Wir diskutieren dieses Umdenken, setzen es mit der Großstadt und mit einer Veränderung im gesellschaftlichen Menschenbild in Zusammenhang und kommen zu dem Ergebnis, dass die Black Box zwischen Tod und Bestattung ein relativ junges Phänomen ist, das man historisch oder geistesgeschichtlich herleiten kann. Und das wieder abgeschafft gehört. 

Unser Gast ist in dieser Folge Lea Gscheidel. Gemeinsam mit ihrem Vater Uller führt sie das Familienunternehmen Charon Bestattungen, das ein Vorreiter unter den alternativen Bestattern ist und bei dem Caro ein Praktikum absolviert hat. 

Lea erzählt von ihrer Arbeit, davon, wie wichtig es ist, den Angehörigen Zeit für eigene Entscheidungen zu geben, sie dabei zu unterstützen. Das ist schmerzhaft, aber es kann auch lebendig sein und heilsam und vielleicht sogar Erinnerungen hervorbringen, die später wertvolle Schätze sind. Besonders wichtig sind dafür die Abschiednahmen, Ereignisse, von denen wir keine inneren Bilder haben (außer gruslige Krimiszenen). Hier liegt es in der Verantwortung der Bestatterin, sich in die Angehörigen einzufühlen, sie vorzubereiten und zu begleiten. 

Außerdem spricht Lea über das Berliner Bestattungsgesetz und veraltete Hygienevorstellungen (Stichwort: Leichengift) und darüber, wie genau sie dazu gekommen ist, Bestatterin zu werden und welche Parallelen sie zwischen Bestatterinnendasein und Mutterschaft sieht. 

Zum Schluss antwortet Lea trocken mit „nö“ auf die Frage mit Max, Nr. 14: „Haben Sie Freunde unter den Toten?“

Für die Fahrradgedanken hat Caro diesmal ein Zitat aus dem Buch von Irvin D. Yalom „In die Sonne schauen“ ausgesucht.  

Und hier sind unsere bunt gemischten Lese-, Hör- und Sehempfehlungen:

Charon Bestattungen (Es lohnt sich sehr, sich auf dieser Seite umzusehen!)
Hier erzählt ein pennsylvanischer Bestatter in 6. Generation von seiner Arbeit
Ein unglaublich guter Text über das Sterben von Roland Schulz
„What *should* you say what someone dies?“ – sieben Minuten voller Wahrheiten über Trauer(nde)
Erklär mit die Welt – mit der Sterbebeleiterin Eva Tinsobin
Irgendwo muss sie doch sein“ – vom Weiterleben eines Witwers nach dem Tod seiner Frau
Jasmin von „Sterben üben” erzählt von ihrer ersten Totenfürsorge

Wie immer danken wir Peer für unseren tollen Intro/Outro-Song “Alle, alle”.