Das große Sterben: Tod und Trauer in Zeiten von AIDS

Stellt Euch vor, ihr seid jung, endlich frei und führt ein buntes, lustiges und sinnliches Leben. Dann bricht plötzlich eine unbekannte Krankheit aus und Eure Freunde beginnen zu sterben, reihenweise. In den 80er und 90er Jahren war dieser Albtraum für Viele, vor allem homosexuelle Männer, Realität – wegen AIDS. Martin Reichert ist Journalist und Autor und spricht in dieser Folge mit uns über AIDS als Stigma der Ausgegrenzten und darüber, was das für das Sterben und für die Trauer der Überlebenden bedeutete. Und er zeigt uns, welche Veränderungen durch „die Sterberei der Schwulen“ gesellschaftlich im Umgang mit dem Tod und in der Bestattungskultur angeschoben wurden. 

Welche Rolle spielt eigentlich die eigene Identität beim Sterben? Und was bedeutet es für Trauernde, wenn die Beerdigung die Identität de*r Verstorbenen nicht widerspiegelt? Das waren ganz zentrale Fragen für an AIDS Erkrankte und ihr Umfeld. Denn viele wurden zum Sterben in ihre Herkunftsfamilien zurückgeholt, von denen sich viele gerade erst emanzipiert hatten. Oft wurde die Krankheit vertuscht, Freunde und Partner*innen von den Beerdigungen ausgeschlossen, die Kranken und später die Toten wurden ihrer Identität beraubt. Caro vergleicht das mit einer Erfahrung, die sie gemacht hat und wir fragen uns, ob es soetwas wie eine ethische Verpflichtung gibt, dem Menschen auch nach seinem Tod gerecht zu werden. 

Dann schweifen wir etwas ab und sprechen über die körperlichen und emotionalen Auswirkungen nahender Todestage, die sich bei Susann gerade vor allem in Bewegungsdrang und Wut äußern. Wie kathartisch es ist, die Wut rauszulassen, beschreibt Caro anhand ihrer eigenen Trauererfahrung, zu der auch Verbrennen, Zerreißen, Schreien und sehr viel Herumlaufen gehört.

Unser Gast in dieser Folge ist Martin Reichert, er ist Journalist und Autor des Buchs „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepubik“. Wie brutal AIDS war schildert er darin und wie hässlich der Umgang mit Erkrankten, Sterbenden und Toten in den 80er und 90er Jahren. Martin sagt, das Stigma dieser Krankheit besteht aus einer durchaus menschlichen Angst vor Ansteckung und aus der Angst vor dem Anderen. Denn AIDS ist die Krankheit der Ausgegrenzten: der Schwulen, der Prostituierten, der Drogenabhängigen.

Er beschreibt, wie durch AIDS eine Idee von Freiheit zerstört wurde, wie es durch wahnsinnige Ängste und Aufrufe zum Verzicht zu einer Deformation der eigenen Sexualität kam, in einer Gruppe, die sich gerade erst sexuell befreit hatte. „Es waren tragische Zeiten“, ein großes Sterben unter jungen Menschen.

Martin stellt folgende These auf: die Liberalisierung in der Bestattungs- und Friedhofskultur, wie wir sie heute erleben (z.B. das Grab mit vielen Namen, über das wir mit Francis Seek gesprochen hatten oder das Bandgrab der Toten Hosen) ist eine Ableitung aus der Zeit des großen Sterbens in den 80er und 90er Jahren, als massenhaft junge Menschen starben und ihr Umfeld, ihre Freunde gezwungen waren, jenseits von Tradition und Familie eine Trauerkultur zu finden. Das beste Beispiel hierfür ist der alte St. Matthäus-Kirchhof in Berlin, auf dem es ein Gemeinschaftsgrab für einen Schwulenclub gibt, Aidsschleifen, ausgefallenen Grabschmuck, ein von einer Polittunte betriebenes Friedhofscafé – und eben auch ein Sternenkinderfeld.

Martin stellen wir die Frage mit Max Nummer 22: „Wenn Sie an ein Reich der Toten (Hades) glauben: Beruhigt Sie die Vorstellung, dass wir uns alle wiedersehen auf Ewigkeit, oder haben Sie deshalb Angst vor dem Tod?“ 

Die Fahrradgedanken kommen heute von Caro.

Außerdem gibt’s hier unsere aktuellen Lese-, Seh- und Hörempfehlungen:

Wie immer noch vielen Dank an Peer für das Lied „Alle alle“ aus unserem Intro/Outro!